Belgischer Luxus des Art déco aus Kongo-Kopal |
08. November 2009 bis 17. Januar 2010

Ebena

Die thematische Verbindung zwischen dem auf eine sehr spezielle und feine Kunstform – die Lackkunst – ausgerichteten Museum für Lackkunst und einer Ausstellung über Kopalartikel aus der Zeit des Art déco erschließt sich nicht unmittelbar.

In der europäischen Lackkunst wurde Kopal bereits seit dem frühen 18. Jahrhundert zur Herstellung von Lackfirnis eingesetzt. Es handelt sich dabei um ein natürliches Baumharz, das in fossiler, ähnlich dem Bernstein, oder in rezenter Form auftreten kann. In einer völlig neuartigen Weise diente es der Firma Etablissements EBENA als Grundmaterial für gepresste Schatullen, Dosen, Vasen und andere luxuriöse Objekte.

Die kleine Firma in der belgischen Stadt Wijnegem (in der Nähe Antwerpens) begann in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts luxuriöse Dosen, Bonbonnieren, Vasen und andere Artikel im Stil des Art déco aus diesem Material zu fertigen. Die Firma, die am
20. Juli 1921 von Robert Meeùs (1882 – 1958) und Léon Guillon
(1895 – 1927) unter dem Namen Etablissements EBENA gegründet worden war, verwendete dafür den sogenannten Kongo-Kopal, der aus der Kolonie Belgisch-Kongo importiert wurde. 

Bei dem Unternehmen, das Robert Meeùs nach dem Tod seines Vaters im Jahre 1915 geerbt hatte, handelte es sich ursprünglich um eine Destillerie für Wachholderbeerschnaps. Aufgrund der Plünderungen durch deutsche Besatzungstruppen während des Ersten Weltkrieges und einem seit 1919 gesetzlich eingeschränkten Alkoholkonsum (Vandervelde-Gesetz) in Belgien, musste für das Familienunternehmen eine neue Produktionsidee gefunden werden, um es nicht endgültig aufgeben zu müssen.

Mit Zunahme der Aktivitäten der chemischen Industrie setzte verstärkt die Suche nach Ersatzstoffen für teure und seltene Naturstoffe ein, die zudem oft in aufwendiger Handarbeit verarbeitet wurden. Ziel war es daher, Stoffe zu finden und zu entwickeln, die eine einfachere und weniger kostenträchtige Herstellung mit einem ebenso überzeugenden optischen Effekt wie Gebrauchswert verbinden sollten. 

Etablissements EBENA begann daraufhin, vor dem Hintergrund der steigenden Ansprüche der damaligen Zeit, eine unkonventionelle Verarbeitung und Gestaltung des westafrikanischen Harzes Kopal vorzunehmen. Man schlug im Vergleich zu den seit dem frühen 18. Jahrhundert üblichen, und nur unwesentlich veränderten Verarbeitungsmethoden für dieses Material, einen völlig neuartigen Weg ein. Noch im 19. Jahrhundert war man der Auffassung, dass eine andere Art der Verwertung, nämlich als in Öl gelöster Lack, nicht in Betracht kam. Anstelle dieser üblichen Verwendung in geschmolzener und aufgelöster Form setzte Etablissements EBENA dagegen Kopal als Grundstoff einer Masse ein, die in vorgefertigte Formen gepresst wurde. Diese Formen, auch Werkzeuge genannt, bestanden aus Matrize und Patrize, die sich wiederum aus mehreren Einzelteilen zusammensetzen konnten – je nach Komplexität und Schwierigkeitsgrad des anzufertigenden Gegenstandes. Die Kopalmasse, bei der es sich um ein Gemisch aus dem oben beschriebenen fossilen Harz, mineralischen Zusätzen, Zellulose in Form von Seidenpapier und weiteren chemischen Ingredenzien handelt, musste auf erhitzte Eisenplatten gelegt werden, damit sich die Masse von etwa 10 – 20° C Raumtemperatur auf maximal 90° C erwärmte und eine gummiartige, formbare Konsistenz annahm. Anschließend begann man, der modifizierten Kopalmasse verschiedene Farbpigmente unterzumischen und alles miteinander zu vermengen. Jedes Stück, das daraufhin in der Presse entstand, war – ungeachtet der Serienproduktion der jeweiligen Form – ein Unikat, weil nie vorhersehbar war, wie die Marmorierung tatsächlich verlaufen würde.

„Colorful as rare Onyx – beautiful as polished ivory – light as dainty china – almost strong as refined metal. Articles of beauty […] and use with perfect safety and pleasure.“

Diese Werbung von 1929 beschreibt die Erzeugnisse der Firma Etablissements EBENA äußerst treffend, auch wenn sie ursprünglich für ein ähnliches, jedoch vollsynthetisches Produkt aus Großbritannien gedacht war.

In den zehn Jahren ihres Bestehens hat diese Firma Erstaunliches hervorgebracht. In Stil und Ausführung der Objekte orientierte man sich an zeitgenössischen Kriterien, die heute dem Art déco zugeordnet werden. Weniger verspielt als der Jugendstil, sind es vor allem die abstrahierten floralen Dekorelemente und die streng anmutenden eckigen Formen, die an die Architektur jener Zeit erinnern.

Charakteristische Stilelemente wie die gestalterische Verbindung von eckiger Form, Kostbarkeit des Materials und Intensität der Farben finden sich als charakteristisches Kriterium in allen Objekten der Firma EBENA wieder.

Die aktuellen Tendenzen in der zeitgenössischen Kunst wie die sie befruchtenden Vorbilder waren augenscheinlich bekannt und haben ihre Spuren in der Produktion hinterlassen. Besonders an fernöstliche Arbeiten und die des belgischen Art déco-Künstlers
Marcel Wolfers (1886–1976) fühlt man sich bei der Betrachtung von EBENA-Objekten erinnert.

Seit der Öffnung Japans im Jahre 1854 war der Einfluss der japanischen Kunst auf die Entwicklung der europäischen Malerei und des Kunstgewerbes wegweisend und hat, angefacht besonders durch die Weltausstellungen in Wien 1872 und Paris 1889, im Japonismus, dem Jugendstil, dem Art nouveau sowie dem Impressionismus seine Spuren hinterlassen. Im Fall der Kopalartikel der Firma EBENA scheint eine Inspiration durch marmorierte Lacke aus Japan und China offensichtlich, die sich in Form von Exponaten des Museums für Lackkunst in der gezeigten Ausstellung wiederfinden.

Die Artikel der Etablissements EBENA sind etwas Außergewöhnliches und Einmaliges. Besonders die Materialwahl und die Verarbeitung stellen ein Novum dar, dass in der damaligen Zeit und bis heute seinesgleichen sucht.

Die farbenprächtige und leuchtende Marmorierung, die so charakteristisch ist und das Markenzeichen bildet, übt noch heute eine ganz besondere Faszination aus. So ging es dem Sammler
Hans Ulrich Kölsch bei der Entdeckung einer farbig marmorierten Dose in einer ausgesprochen exzentrischen Formensprache bei einem Antiquitätenhändler in Düsseldorf. Dieses erste Objekt, das er im Jahre 1975 erwarb, veranlasste Hans Ulrich Kölsch dazu, die Herausforderung der Suche nach der Herkunft des Stückes aufzunehmen. Am Ende stand die Entdeckung der beeindrucken Material-, Objekt- und Firmengeschichte der Etablissements EBENA.


 
  Impressionen der Sonderausstellung


 
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